Traust du dich?

5

,,Erzähl mir von ihm.''
Ich werde nicht reden.
Und garantiert nicht über ihn.
,,Woher kennt ihr euch?''
Diesmal schenkt er mir all seine Aufmerksamkeit. Er zeichnet keine sinnlosen kleinen Striche auf sein Blattpapier und er trinkt keinen Schluck von seinem Tee.
Es interessiert ihn wohl wirklich.

Meistens ist es doch so, Freunde, Familie, Bekannte fragen nach deinen Problemen. Sie wollen dir ''helfen''.
Sagen sie doch immer, oder nicht?
Aber das stimmt nicht. Ich habe es schon so oft miterlebt.
Einmal habe ich vieles gesagt.
Nicht alles, aber vieles.
Diese Person, der ich es erzählt habe, sagte darauf nur ''Mh. Das ist scheiße. Kann schon verstehen warum du so drauf bist. Mh.''
Wisst ihr, wenn man so down ist wie ich, wenn man nicht mehr kann und Hilfe WILL und braucht, dann reichen einem die Worte ''Mh. Das ist scheiße. Kann schon verstehen warum du so drauf bist. Mh.'' nicht.
Man bereut dann, dass man sich geöffnet hat.
Diese Person hat mich Monate lang angefleht, dass ich ihr meine Probleme erzähle. Sie wollte mich besser verstehen, sie wollte mir wirklich helfen.
Es ist meine Schuld.
Ich bin so naiv.
Das war nicht das Einzige Mal! Schon mehrere wollten mir ''helfen'', ich habe mich geöffnet, ihnen nur EINIGES erzählt und ein ''hm'' war die Antwort.
Keine Hilfe.
Nicht im geringstem.
Dabei meinten sie immer wieder, sie würden mir helfen.
Das sagen sie immer noch.
Der Punkt ist, Menschen die euch nach euren Problemen fragen, weil sie ja so daran interessiert sind, euch besser verstehen wollen und euch helfen wollen, geben im Grunde eigentlich nur einen Fick drauf.
Sie wollen es nur wissen weil sie neugierig sind.
Auch wenn sie es noch so sehr abstreiten.
Es ist nur reine Neugierde.
Mehr nicht.

,,Aus der Schule.''
Wie schafft er es mich immer wieder zum reden zu bringen?
,,Seid ihr in einer Klasse?''
Ich nicke.
Immer noch, er schenkt mir immer noch seine volle Aufmerksamkeit.
Langsam wird er mir sympathisch.
,,Wie lange schon?''
Gefühlte tausend Jahre.
,,Seit der Fünften.''
,,Also schon recht lange, nicht wahr?''
Ich nicke.
,,Und wie lange hast du schon Gefühle für ihn?''

Seit der Siebten.
Er war schon immer in meiner Klasse und ich habe ihn erst in der Siebten bemerkt.
Seltsam, oder?
Er fiel mir auf einmal auf.
Mein Sitzplatz war genau gegenüber von seinem. Er schaute mich immer an.
Immer.
Ununterbrochen.
Manchmal machte es mir sogar angst, ich wusste doch gar nicht, wieso er mich anschaute.
Er war nur irgendein primitiver Junge aus meiner Klasse.
Und außerdem, es gab so viel hübschere und coolere Jungs. Er war nur hin und wieder lustig.
Mehr nicht.
Doch dann... ich weiß es gar nicht... Es fing damit an, dass mich mehrere darauf ansprachen.
Sie sprachen mich darauf an, dass er mich immer wieder anschaut.
Manche scherzten und sagten, er würde auf mich stehen.
Aber das habe ich bezweifelt.
Weiß auch nicht warum.
Erst dann fiel es mir eigentlich auf. Das er mich sehr oft anschaute, mein ich.
Auf einmal bekam ich immer ein seltsames Gefühl im Magen, sobald sich unsere Blicke trafen.
Manchmal schaute er weg, manchmal aber schauten wir uns gegenseitig für eine Weile an.
Es tat irgendwie weh.
Ich kannte dieses Gefühl zuvor nicht.
Ab diesem Zeitpunkt fing es an.
Ich stand morgens früher auf um mich länger und intensiver fertig zu machen, ich stylte mir die Haare besser, schminkte mich. Ich gab mir viel Mühe um ihm aufzufallen, auch wenn er mich schon die ganze Zeit anschaute.
Unlogisch, ich weiß.
Ich gab mir mehr Mühe gut auszusehen, damit er mich toll fand.
Es machte mich froh zur Schule zu gehen, ich habe es geliebt wenn er mich anschaute und gehasst wenn er krank war.
Es war wie ein verschwendeter Tag.
Selbst wenn ich krank war, bin ich meistens zur Schule gegangen, nur damit ich seine Blicke einfangen konnte.
Eigentlich habe ich nie Aufmerksamkeit von anderen gesucht.
Seine aber ständig.
Selbst heute noch.

,,Ungefähr vier Jahre.''
,,Wart ihr schon einmal zusammen?''
Meint er eine Beziehung?
Mit ihm?
Nein.
Er hasst mich.
Ich schüttle den Kopf.
,,Warum nicht?''
Er hasst mich, immer noch.
Wer könnte schon so jemanden wie mich lieben? Oder gar in einer Beziehung sein?
,,Hat sich nicht ergeben.''
,,Warum nicht?''
,,Mit ihm kann man nicht reden.''
,,Wie kommst du darauf? Hast du es schon mal versucht?''
Immer.
Na ja.
Oft.
Immer, wenn ich mich getraut habe, überhaupt mal mit ihm zu sprechen.
,,Ich weiß es einfach. Kann sein.''
Ehrlich gesagt, bin ich gerade nicht in der Stimmung weiter zu reden.
Geschweige denn zu leben.
Ich will nicht über ihn reden, was versteht er daran nicht?
Ich kann nicht mehr.

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Traust du dich? 4

,,Du siehst heute nicht glücklich aus.''
Ach, ehrlich?
,,Kann sein.''
,,Fühlst du dich nicht gut? Geht es dir schlecht?''
Ich schweige und starre auf seine Tasse mit Tee, die wie immer neben seinem Sessel auf einem kleinen Tisch steht.
,,Hast du schon mal darüber nachgedacht, dich selbst zu verletzen?''
Immer.
Wieso fragt er?
,,Kann sein.''
,,Hast du es mal in die Tat umgesetzt?''
Warum lauf ich wohl mit Pullover rum, selbst wenn es 30° draußen sind?
,,Kann sein.'' d
Das wird glaub ich mein Lieblingssatz.
,,Hat es mal jemand gemerkt, gesehen oder dich darauf angesprochen?''

Nein, ich bin gut im verheimlichen. Ich mache es nicht dort wo jeder es sehen kann. Selbst wenn ich mal meine Ärmel hochziehe, dort sieht niemand etwas.

Ich schüttle den Kopf.
,,Hast du es gemacht, um dich umzubringen? Du hast es ja mehrmals versucht, oder nicht?''
Oh, hat der Herr doch meine Akte gelesen?

Nein, ich habe es nicht gemacht, um mich umzubringen.
Sonst wären die Schnittwunden ganz woanders.
Ich habe es gemacht, zur Bestätigung, dass ich noch lebe. Das ich doch noch etwas fühle. Denn nichts ist schlimmer als leer zu sein. Man kann noch so enttäuscht, verletzt, wütend oder traurig sein. Keine Emotionen zu spüren ist noch viel schlimmer. Man überlegt dann, ob es wirklich real ist. Ob man überhaupt noch lebt oder einfach nur existiert.

Ich schüttle den Kopf.
Er weiß warum ich es getan habe, warum fragt er?
,,Wurde es nach einiger Zeit zur Sucht?''
,,Ein wenig.''

Ich kann mich noch genau an den ersten Versuch erinnern. Es war ein Dienstag, Linda hat mir vieles gesagt, was ich nicht hören wollte. Dinge die sie lieber für sich behalten sollte. Ich wurde wütend, weil sie mich nicht verstand. Wir haben einfach an uns vorbei geredet.
Es tat weh, es tut immer noch weh.
Wieder war alles zerstört.
Sie kann es richtig gut.
Mein Leben ruinieren.
Aber dafür liebe ich sie. Auch wenn es niemand versteht.
Als ich abends in meinem Zimmer saß und voller Wut auf mich selbst mir die ganze Zeit eingeredet habe, was für eine schreckliche Freundin ich sei, dass mein Leben ein einziges Chaos ist und das ich alles verdient habe, was in den letzten Monaten passierte, fing es dann an, so ganz plötzlich.
Ich hatte mich beruhigt und alles war so seltsam.
Die ganze Umgebung habe ich anders wahrgenommen. Ich spürte nichts mehr und habe mit kneifen versucht mir weh zutun.
Nur als Bestätigung, ich wollte doch nur die Bestätigung, dass ich noch lebe. Das es noch etwas gibt, was ich fühlen kann.
Doch es reichte nicht mehr.
Das Kneifen reichte nicht mehr aus.
Ich wollte mir ein Messer aus der Küche nehmen, doch meine Mutter hätte es gemerkt. Die Wohnzimmertür war offen und sie hätte mit Sicherheit gefragt, was ich mit dem Messer wolle. Aber dafür hatte ich sowieso keine Zeit, darüber nachzudenken mein ich.
Dann fiel es mir ein.
Die Rasierklingen im Bad.
So schnell wie nur irgendwie möglich, bin ich ins Bad und wieder zurück. Ich hab versucht diese verdammte Plastikhülle abzubekommen, ich wurde total nervös.
Meine Hände zitterten und ich musste mich beeilen.
Dann klappte es endlich.
Nun die große Frage, wohin mit dem Schnitt? Zu meinem Glück hatte ich kurze Shorts an, so war die Frage relativ schnell geklärt.
Der erste Schnitt tat nicht weh.
Also habe ich weiter gemacht.
Es wäre ja nur ein einziges Mal gewesen, nur als Bestätigung. Es würde ja nicht sofort zur Sucht werden.
Der zweite Schnitt tat gut, ich hörte auf zu zittern und alles wurde etwas leichter. Als wäre eine riesige Last von mir abgefallen. Alles was sich in den letzten Jahren angestaut hatte.
Da es so gut tat, musste ich weitermachen.
Ich konnte nicht aufhören.
Nach sechs Schnitten habe ich dann gestoppt.
Wie gesagt, ich wollte es doch nur ein mal tun.
Nur als Bestätigung.

Sagen wir's so, kurze Hosen kann ich heute nicht mehr tragen und Bauchfrei erstrecht nicht.
Wo sie auf meinen Armen sind? Unterm Oberarm, auf der Schulter und am Ellenbogen, dort aber nur sehr nüchtern, da sie dort manchmal gesehen werden. Ich hasse die fragen ''wie ist das passiert?'', ''oh Gott, wer war das?''
Jap, wie bei jedem, der sich selbst verletzt, ''Die Katze!''

,,Hast du manchmal das Bedürfnis die Narben anderen zu zeigen? Jemanden dem du vertraust oder einfach nur gern hast.''

Nein.
Na ja. Okay, manchmal schon. Wenn ich wütend bin zum Beispiel, dann würde ich gerne alles sagen, was ich all die Jahre verschwiegen habe.
Aber ich habe jedes Mal angst, angst davor, dass sie sagen, ich würde nur Aufmerksamkeit suchen, ich wäre ein ''Psycho'' oder ein ''Emo'' oder was auch immer. Ich will nicht das sie das sagen oder gar von mir denken.
Wenn ich eins nicht suche, dann ist es Aufmerksamkeit.

,,Nein.''

2.8.12 04:36, kommentieren

Traust du dich? 3

,,Wie war's heute?''
Meine Mutter steht am Herd und kocht Spaghetti.
,,Gut.''
Ich sage immer gut. Aber ich meine es nie so, ich habe nur keine Lust, zu erklären, warum es nicht gut war.
,,Das ist schön. Es geht also bergauf, ja?''
Sie schaut mich kurz mit einem schnell aufgesetzten Lächeln an.
,,Ja, denke schon.''
Wieso bemerkt niemand, dass ich lüge?
So gut kann ich's nun auch wieder nicht.
,,Linda hat vor etwa einer Stunde angerufen, sie würde sich freuen, wenn du zurückrufst.''
Nein würde sie nicht.
Ich gehe in mein Zimmer, schließe die Tür und setze mich auf mein Bett.
Schlafen, ich will nur schlafen.
Am besten den ganzen Tag.
Das Telefon liegt auf meinem Nachttisch.
Soll ich?
Ja.
Aber was sage ich?
Nein, halt. Warum hat sie überhaupt angerufen? Sie hasst mich doch.
Zu spät.
Ich habe bereits die Nummern gewählt und auf die grüne Taste gedrückt.

,,Ja?'' ihre Stimme. Ich höre sie. Es sticht mir ins Herz und doch bin ich erleichtert.
Es ist das vertrauteste Geräusch nach Papas Stimme.
,,Du... du hattest angerufen.''
,,Ach ja! Richtig...'' ein leises Rauschen durchbricht die Ruhe unseres Schweigens.
,,Ich wollte nur fragen wie es dir Momentan geht.'' fährt sie fort.

Schrecklich.
Alle lassen mich allein.
Pia ignoriert mich.
Du hasst mich und hast mir Dinge vorgeworfen, die mich jetzt noch umbringen.
Und alle anderen wollen nicht mit einem ''Psycho'' befreundet sein.

,,Ganz gut. Wird langsam besser.''
Lügen, lügen, ich kann nichts als lügen.
Kann es nicht endlich jemandem auffallen?
,,Freut mich. Ist schön das zu hören, ehrlich.''

Sie ruft sowieso nur an, weil sie ein schlechtes Gewissen hat. Wegen ihr habe ich ja die ganzen Pillen vor zwei Wochen geschluckt.
Na ja, nicht NUR wegen ihr.

,,Hm.. okay, das war auch schon alles, was ich wollte... Muss jetzt auch wieder los. Tschüss.'' sagt sie so schnell, dass es mir nicht einmal möglich war, ihr ebenfalls tschüss zu sagen.

Mama öffnet die Tür ,,Essen ist fertig, kommst du?''
Nein, ich werde nichts essen.
,,Weiß nicht... Mir geht’s grade nicht so gut, ich habe ein wenig Kopfschmerzen.''
,,Oh, das könnte an den Nebenwirkungen liegen. Geh doch mal eine Runde um den Block, dann geht es dir bestimmt besser.''
Sie sagt es, als würde sie sich immer so sorgen, wenn eines ihrer Kinder krank ist.
Ich habe keine Kopfschmerzen.
Ich will zu Papa.

Nach drei Blocks und gefühlten hundert ''Depri-Songs'' später bin ich da.
Mitten auf seinem Grab steht die Kerze, die Kerze die immer brennt. Dadurch erkennt man sein Grab sehr gut, im Dunkeln mein ich.
Es regnet, trotzdem setze ich mich davor auf den Boden.
,,Mama hat gekocht, ist das nicht irre? Sie gibt sich im Moment ziemlich viel Mühe. Mehr als in den vergangenen siebzehn Jahren. Aber trotzdem bemerkt sie nicht, dass ich sie jedes Mal anlüge, wenn es um mich geht. Sie hat gekocht, aber gegessen habe ich trotzdem nichts. Ich hätte es doch sowieso nicht in mir behalten.
Weißt du noch, letztes Weihnachten? Sonst hast du immer das Weihnachtsessen übernommen, doch letztes Mal wollte Mama es unbedingt übernehmen, du hast mit ihr gewettet, dass sie es nicht schaffen würde, du wusstest ja wie groß ihr Ego ist. Ich weiß noch genau, eine viertel Stunde bevor wir essen wollten ist alles schiefgelaufen'', es regnet, niemand würde meine Tränen sehen, die mir gerade das Gesicht runterlaufen.
Sie laufen ein rennen mit den Tropfen des Regens
,,Sie hat den Ofen zu hochgestellt und der ganze Braten war total verbrannt. Als wir dann wenigstens noch den Salat essen wollten, ist Mama der halbe Gewürzschrank eingekracht. Das war so lustig! Wäre Mama nicht so enttäuscht von sich selbst gewesen. Aber zum Glück hattest du noch die Nummer vom Thailänder behalten und wir haben eine Stunde später gebratene Nudeln mit Ente am Weihnachtsbaum gegessen. Das war das Beste Weihnachtsfest was wir je hatten. Wir haben uns alle so gut verstanden. An diesem einen Tag im Jahr waren wir wirklich... wie... ja fast wie eine richtige Familie.
Ich vermisse dich.
Und ich hasse dich dafür, dass du mich verlassen hast.
Das du uns verlassen hast.
Das kannst du nie wieder gut machen.
Komm zurück, bitte.
Wir brauchen dich.
Ich brauche dich.''

1.8.12 18:38, kommentieren

Traust du dich? 2

,,Hast du mal versucht mit deinen Freunden darüber zu sprechen?''
Ich werde nicht reden, warum versteht er das nicht?
,,Wolltest du dich schon einmal umbringen?'' fragt er einfach weiter.
Nun ja, ich wäre nicht hier, wenn ich es nicht versucht hätte.
,,Wann war der letzte Versuch?''
Habe ich unbewusst geantwortet, oder warum fragt er?
,,Vor zwei Wochen.''
Kurz bevor sie mich hier eingeschleust haben.
,,Wie hast du es versucht?''
,,Hab' 'n Haufen Pillen geschluckt.''
,,Warum?''

Weil ich mich nicht einmal mehr im Spiegel ansehen konnte, weil mich jeder verließ, der mir etwas bedeutet, weil ich seit Monaten nichts mehr gespürt habe, weil alle mich kritisierten, weil mir niemand zuhören wollte, weil mich niemand verstand, weil ich mich selbst gehasst habe.

Ich zucke mit den Schultern.
,,Aber an irgendetwas musst du währenddessen doch gedacht haben.''
Keine Reaktion meinerseits.
,,Hast du irgendetwas gefühlt, als du es getan hast?''

Ich fühlte mich befreit und erleichtert.
Endlich schlafen zu können ohne Gedanken und ohne jemals wieder aufwachen zu müssen.
Aber zu meinem Glück kam Mama vier Stunden früher von der Arbeit und rief den scheiß Krankenwagen.
Hätte sie mir nicht diesen einen Wunsch erfüllen können?

,,Nein.''
Er weiß das ich lüge.
Er sieht mich dann immer mit seinem Blick an. Seinem eigenem Blick.
Den setzt er nur auf wenn jemand lügt.

So wie letzten Dienstag.
Lara-Sophie, eine neue Praktikantin in seiner Praxis, kam herein um ihm einen Stapel Papiere zu bringen. Er fragte sie nach dem Anruf der getätigt werden musste, sie sagte sie hätte es erledigt, doch sie log.
Ich weiß das sie log, kurz vor der Sitzung hat sie mir noch gesagt, sie hätte es vergessen.
Man hätte ihr es eigentlich nicht angemerkt, aber er fand es trotzdem raus und setzte wieder seinen Blick auf.

,,Hattest du es geplant?''

Sehr genau.
Jedes Mal.
Immer.
Ich denke seit Monaten an nichts anderes.
Verschiedene Möglichkeiten, Arten und Weisen hatte ich im Kopf.
Ich war soweit, dass ich nicht mehr von diesem einen Feldweg wegkam.
Dieser Feldweg lag an den Eisenbahnschienen.
Jede Stunde um dreiundzwanzig nach kommt ein Zug. Immer um dreiundzwanzig nach, egal wo ich bin, egal in welcher Situation, höre ich für einen Moment auf zu atmen. Es kommt mir immer so vor, als würde ich daneben stehen.
Dieses Geräusch wenn er an mir entlangfährt, es ist beruhigend und doch treibt es mich in den Wahnsinn.
Ich spüre in dieser Zeit einen kalten Schauer, er geht über meinen ganzen Körper.
Ein schreckliches Gefühl.

Trotz den vielen Gedanken, keine Reaktion von mir.
,,Okay'', er lehnt sich erneut zurück und zeichnet wiedereinmal sinnlose kleine Striche auf sein Blattpapier ,,Willst du wirklich so weitermachen?''
,,Definieren Sie 'weitermachen'.''
,,Nichts zu sagen. Alles in deinem Kopf passieren lassen.''
,,Ja, denke schon.''

1.8.12 00:05, kommentieren

omgggg

Oh mein Gott.

2 Kommentare 31.7.12 04:43, kommentieren

Traust du dich?

,,Möchtest du heute darüber sprechen?''
Er nimmt, wie jedes Mal, seinen Kugelschreiber und zeichnet sinnlose kleine Striche auf sein Blattpapier.
Dort sollten eigentlich Notizen über mich stehen. Aber wie soll man sich Notizen von mir machen, wenn ich nicht spreche?
,,Wir können ruhig zwei Wochen so weiter machen. Ich hab Zeit.''
Jetzt lehnt er sich entspannt nach hinten, nimmt seine Tasse mit Tee und trinkt einen Schluck.
,,Lass uns ein kleines Spiel spielen, okay? Du brauchst nicht einmal deinen Mund zu öffnen. Alles was du tun musst, ist nicken oder den Kopf schütteln. Alles klar?''
Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu.
,,Okay. Dann fangen wir mal an,'' habe ich zugestimmt? ,,hast du eine beste Freundin oder besten Freund?''
Na ja... im Moment ist das eine Komplizierte Sache. Eigentlich nicht.
Also schüttle ich den Kopf.
,,Hattest du denn eine oder einen?''
Ich nicke während ich meinen Schmerz unterdrücke.
,,Was ist passiert? Hattet ihr streit?''
Da ist sie wieder.
Die Stimme, die mir immer so wunderbare Dinge ins Ohr flüstert.
''Du bist nichts wert.'', ''Egoistisches Miststück!'', ''Wie könnte man dich lieben, wenn du dich selbst nicht mal liebst?''.
Ich nicke.
,,Wart ihr verschiedener Ansichten einer Sache?''
So in etwa.
Ich nicke.
,,Meinst du ihr vertragt euch wieder?''
Niemals, ich schüttle den Kopf.
Alles meine Schuld.
,,Bist du in einer Beziehung?''
Die Stimme wird lauter.
Ich schüttle den Kopf.
,,Bist du verliebt?''
Immer lauter.
Ich nicke, auch wenn's mir schwer fällt.
,,Liebt er dich ebenfalls?''
Ein leichtes und kurzes ironisches Lächeln kommt mir hoch.
Ich schüttle den Kopf.
,,Hat er dir das gesagt?''
Ich... ich weiß es nicht. Hat er das?

Als Pia und ich letzten Samstagabend auf der Feier waren, kam Anna zu uns.
Ich hasse sie.
Ich habe sie schon immer gehasst.
Das weiß sie, sie will es nur nicht wahrhaben, dass jemand etwas an ihrem perfektem Image zu meckern hat. Sie setzte sich einfach zu uns und erzählte mir, als wären wir die besten Freunde, dass sie etwas mit ihm hatte. Ich hätte kotzen können.
Das ist nicht als Metapher gemeint, sondern wirklich.
Ich hätte wirklich kotzen können.
Mitten in ihr Gesicht.
Dennoch habe ich nicht darauf reagiert.
Niemand soll wissen, dass mich diese Information in tausend Stücke gerissen hat.
Sie plapperte munter weiter. Als wäre es okay. Als wäre es das Normalste der Welt. Sie hätte gehört, dass ich auf ihn stehe, aber ebenfalls hätte sie auch noch von irgendjemandem, wessen Namen sie angeblich nicht mehr wüsste, gehört, dass er auch auf mich steht. Aber sie würde nicht glauben das es stimmt. ''Immerhin, wie könnte man so etwas nutzloses wie dich lieben?'' - Zitat.
Nein, es tat nicht mehr weh.
Es war okay.
Die Worte kamen aus Annas Mund.
Also ist es egal.
Das habe ich mir zu mindestens eingeredet.
Ich bin so naiv.

Ich schüttle den Kopf.
,,Verletzt er dich?''
Mit allem was er macht und sagt.
Egal ob positiv oder negativ.
Ich nicke.
,,Was ist mit deiner Mutter? Weiß sie von deinen Problemen?''
Ha, er hat Mutter gesagt.
Sie ist nur die Frau die mich zur Welt gebracht hat.
Ich schüttle den Kopf.
,,Hast du ein gutes Verhältnis zu ihr?''
Ich wäre nicht hier, wenn ich das hätte, oder nicht?
Ich schüttle erneut meinen Kopf.
Jetzt schreibt er.
Was dort wohl steht?
,,Warum nicht? Verletzt sie dich?''
Ich nicke.
,,Inwiefern? Hat sie dich schon einmal geschlagen?''
Mit Worten oder mit ihrer Hand?
Ich schüttle den Kopf.
,,Beschimpft sie dich?''
Ich nicke.
,,Verurteilt sie dich manchmal?''
Manchmal?

''Du bist egoistisch, du kannst nichts, du wirst nie etwas, was sollen die anderen denken, du bist nicht depressiv, du bist einfach nur faul und dumm.'' - Ihre Worte.
Jeden Tag auf's neue. Als herauskam das ich therapiert werden musste, hatte sie einen erschrockenen Gesichtsausdruck gemacht, als hätte sie nie gewusst, wie es mir geht.

Ich nicke.
Er schreibt weiter. Immer mehr.
So viel habe ich ihn noch nie schreiben gesehen. Dabei schenkt er mir sogar noch seine Aufmerksamkeit.
Multitasking.
,,Denkst du, sie macht es bewusst?''
Keine Ahnung.
Ich nicke.
Sie zerstört mich.
,,Wie ist es mit deinem Vater? Sagt er etwas dazu?''
Hat er meine Akte nicht gelesen?
,,Er ist tot.''
Sage ich, ohne ihm einen Blick zu schenken.
,,Du hast es nicht richtig verarbeitet, oder?''
Ich zucke mit den Schultern.
,,Gehst du oft zu seinem Grab?''
Ich nicke.
,,Was spürst du, wenn du dort bist?''
Ich dachte, ich bräuchte nicht sprechen?
,,Angst.''
,,Angst, wovor?''
,,Vor der Zukunft.''
,,Welcher Zukunft?''
,,Meiner, ohne ihn.''
,,Das verängstigt dich?''
Ich nicke.
,,Hast du oft angst?''
Immer.
Ich nicke.
,,Warum? Wovor hast du noch angst?''
,,Vor alles und jeden.''
,,Auch vor deiner Mutter?''
Ich schüttle den Kopf.
Für sie empfinde ich nur Hass.
Nein, selbst Hass ist noch zu untertrieben.
,,Wie war es, als die Nachricht kam?''
Grausam.

Es war an einem Mittwoch. Er fuhr wie gewöhnlich zur Arbeit, dazu musste er jedoch eine Stunde auf einer Autobahn fahren. Sie hatten Am Dienstagabend streit.
Meine Mutter und er.
Sie haben sich oft gestritten. In letzter Zeit wegen jeder Kleinigkeit.
Kathi, meine fünfjährige Schwester, muss bei jedem Streit weinen.
Es ist schrecklich, weil keiner von ihnen es bemerkt. Ich bin immer die Einzige die sich dann um sie kümmert. Ich muss stark sein, für sie und für mich.
Es war diesmal aber heftiger als sonst.
Mama hat es zu weit getrieben.
Sie hatte was mit seinem Bruder. Ich will gar nicht wissen wie lange oder wie oft schon.
Wie krank, ich mein, sein Bruder?
Er war total fertig.
Am Boden zerstört.
Als Mama abgehauen ist, kam er zu mir ins Zimmer.
Kathi hatte sich währenddessen schon in den Schlaf geweint. Wir waren alle sehr erschöpft, es war immerhin ein harter Abend.
Er setzte sich zu mir ans Bett, deckte mich zu, gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte mit zittriger Stimme ,,Es wird alles gut, versprochen.''
Ich wollte ihm glauben, ich wollte ihm so sehr glauben.
Als ich Mittwoch nach der Schule Kathi vom Kindergarten abgeholt habe und nach hause kam, war Mama da.
Viel früher als sonst, wenn sie abhaut.
,,Wo ist Papa?'' habe ich sie gefragt und mir einen Yoghurt aus dem Kühlschrank genommen.
Doch sie antwortete nicht.
,,Dann nicht.'' sagte ich ihr und bin genervt in mein Zimmer.
Eigentlich hätte er schon längst zu hause sein müssen. Es war Mittwoch, er musste nur bis zwölf arbeiten.
Man hätte meinen können, sie wusste davon.
Aber das stimmt nicht, sie wollte mir einfach nicht mit mir reden.
Wie immer.
Um kurz nach fünf am späten Nachmittag, kam Bernd.
Bernd ist Papas bester Freund.
Gewesen.
Ich machte ihm auf, Kathi rannte ihm sofort in die Arme. Wir liebten Bernd.
Er war cool, lustig und hatte immer einen lässigen Spruch auf Lager.
Doch diesmal nicht.
Sein Gesicht war leer.
Genau wie seine Augen.
,,Was ist passiert?'' fragte ich ihn.
,,Es tut mir so leid.'' antwortete er während er in Tränen ausbrach.
Nein, Papa ist nicht auf der Autobahn ums Leben gekommen. Es war kein Unfall, kein LKW oder Auto ist in seins reingerammt.
Nein, es war kein Unfall.
Er wollte nach der Arbeit noch ein kleines Geschenk für uns holen.
Für Mama, Kathi und mich.
So hatte er es jedenfalls Bernd erzählt.
Als Wiedergutmachung für alles.
Alles, wofür er sich die Schuld gab.
Er wollte sich für Mamas Affäre entschuldigen?
Wie es das Schicksal so wollte, es kam ein Mann mit einer Waffe in den Laden. Er drohte damit, dass wenn sich nicht jeder auf den Boden legt, er jemanden erschießen würde. Natürlich war keiner so dumm und blieb stehen. Nicht einmal mein Vater.
Doch als der Verkäufer den roten Knopf unter dem Tresen drückte und die Notsirene ertönte, schoss der Mann mit der Waffe ab.
Ausgerechnet auf ihn.
Der Mann sagte danach nur ,,Seht ihr? Ich mein es ernst!''
Er hat ein Leben ausgelöscht.
Er hat einer Familie ihren Vater genommen.
Er hat mir meinen Vater genommen.
Meine einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.
Und meinte es ernst.
Wenn ich diesem schrecklichen Menschen jemals begegnen würde, würde ich ihn umbringen.

,,Grausam.''

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