Traust du dich?

,,Möchtest du heute darüber sprechen?''
Er nimmt, wie jedes Mal, seinen Kugelschreiber und zeichnet sinnlose kleine Striche auf sein Blattpapier.
Dort sollten eigentlich Notizen über mich stehen. Aber wie soll man sich Notizen von mir machen, wenn ich nicht spreche?
,,Wir können ruhig zwei Wochen so weiter machen. Ich hab Zeit.''
Jetzt lehnt er sich entspannt nach hinten, nimmt seine Tasse mit Tee und trinkt einen Schluck.
,,Lass uns ein kleines Spiel spielen, okay? Du brauchst nicht einmal deinen Mund zu öffnen. Alles was du tun musst, ist nicken oder den Kopf schütteln. Alles klar?''
Ich werfe ihm einen skeptischen Blick zu.
,,Okay. Dann fangen wir mal an,'' habe ich zugestimmt? ,,hast du eine beste Freundin oder besten Freund?''
Na ja... im Moment ist das eine Komplizierte Sache. Eigentlich nicht.
Also schüttle ich den Kopf.
,,Hattest du denn eine oder einen?''
Ich nicke während ich meinen Schmerz unterdrücke.
,,Was ist passiert? Hattet ihr streit?''
Da ist sie wieder.
Die Stimme, die mir immer so wunderbare Dinge ins Ohr flüstert.
''Du bist nichts wert.'', ''Egoistisches Miststück!'', ''Wie könnte man dich lieben, wenn du dich selbst nicht mal liebst?''.
Ich nicke.
,,Wart ihr verschiedener Ansichten einer Sache?''
So in etwa.
Ich nicke.
,,Meinst du ihr vertragt euch wieder?''
Niemals, ich schüttle den Kopf.
Alles meine Schuld.
,,Bist du in einer Beziehung?''
Die Stimme wird lauter.
Ich schüttle den Kopf.
,,Bist du verliebt?''
Immer lauter.
Ich nicke, auch wenn's mir schwer fällt.
,,Liebt er dich ebenfalls?''
Ein leichtes und kurzes ironisches Lächeln kommt mir hoch.
Ich schüttle den Kopf.
,,Hat er dir das gesagt?''
Ich... ich weiß es nicht. Hat er das?

Als Pia und ich letzten Samstagabend auf der Feier waren, kam Anna zu uns.
Ich hasse sie.
Ich habe sie schon immer gehasst.
Das weiß sie, sie will es nur nicht wahrhaben, dass jemand etwas an ihrem perfektem Image zu meckern hat. Sie setzte sich einfach zu uns und erzählte mir, als wären wir die besten Freunde, dass sie etwas mit ihm hatte. Ich hätte kotzen können.
Das ist nicht als Metapher gemeint, sondern wirklich.
Ich hätte wirklich kotzen können.
Mitten in ihr Gesicht.
Dennoch habe ich nicht darauf reagiert.
Niemand soll wissen, dass mich diese Information in tausend Stücke gerissen hat.
Sie plapperte munter weiter. Als wäre es okay. Als wäre es das Normalste der Welt. Sie hätte gehört, dass ich auf ihn stehe, aber ebenfalls hätte sie auch noch von irgendjemandem, wessen Namen sie angeblich nicht mehr wüsste, gehört, dass er auch auf mich steht. Aber sie würde nicht glauben das es stimmt. ''Immerhin, wie könnte man so etwas nutzloses wie dich lieben?'' - Zitat.
Nein, es tat nicht mehr weh.
Es war okay.
Die Worte kamen aus Annas Mund.
Also ist es egal.
Das habe ich mir zu mindestens eingeredet.
Ich bin so naiv.

Ich schüttle den Kopf.
,,Verletzt er dich?''
Mit allem was er macht und sagt.
Egal ob positiv oder negativ.
Ich nicke.
,,Was ist mit deiner Mutter? Weiß sie von deinen Problemen?''
Ha, er hat Mutter gesagt.
Sie ist nur die Frau die mich zur Welt gebracht hat.
Ich schüttle den Kopf.
,,Hast du ein gutes Verhältnis zu ihr?''
Ich wäre nicht hier, wenn ich das hätte, oder nicht?
Ich schüttle erneut meinen Kopf.
Jetzt schreibt er.
Was dort wohl steht?
,,Warum nicht? Verletzt sie dich?''
Ich nicke.
,,Inwiefern? Hat sie dich schon einmal geschlagen?''
Mit Worten oder mit ihrer Hand?
Ich schüttle den Kopf.
,,Beschimpft sie dich?''
Ich nicke.
,,Verurteilt sie dich manchmal?''
Manchmal?

''Du bist egoistisch, du kannst nichts, du wirst nie etwas, was sollen die anderen denken, du bist nicht depressiv, du bist einfach nur faul und dumm.'' - Ihre Worte.
Jeden Tag auf's neue. Als herauskam das ich therapiert werden musste, hatte sie einen erschrockenen Gesichtsausdruck gemacht, als hätte sie nie gewusst, wie es mir geht.

Ich nicke.
Er schreibt weiter. Immer mehr.
So viel habe ich ihn noch nie schreiben gesehen. Dabei schenkt er mir sogar noch seine Aufmerksamkeit.
Multitasking.
,,Denkst du, sie macht es bewusst?''
Keine Ahnung.
Ich nicke.
Sie zerstört mich.
,,Wie ist es mit deinem Vater? Sagt er etwas dazu?''
Hat er meine Akte nicht gelesen?
,,Er ist tot.''
Sage ich, ohne ihm einen Blick zu schenken.
,,Du hast es nicht richtig verarbeitet, oder?''
Ich zucke mit den Schultern.
,,Gehst du oft zu seinem Grab?''
Ich nicke.
,,Was spürst du, wenn du dort bist?''
Ich dachte, ich bräuchte nicht sprechen?
,,Angst.''
,,Angst, wovor?''
,,Vor der Zukunft.''
,,Welcher Zukunft?''
,,Meiner, ohne ihn.''
,,Das verängstigt dich?''
Ich nicke.
,,Hast du oft angst?''
Immer.
Ich nicke.
,,Warum? Wovor hast du noch angst?''
,,Vor alles und jeden.''
,,Auch vor deiner Mutter?''
Ich schüttle den Kopf.
Für sie empfinde ich nur Hass.
Nein, selbst Hass ist noch zu untertrieben.
,,Wie war es, als die Nachricht kam?''
Grausam.

Es war an einem Mittwoch. Er fuhr wie gewöhnlich zur Arbeit, dazu musste er jedoch eine Stunde auf einer Autobahn fahren. Sie hatten Am Dienstagabend streit.
Meine Mutter und er.
Sie haben sich oft gestritten. In letzter Zeit wegen jeder Kleinigkeit.
Kathi, meine fünfjährige Schwester, muss bei jedem Streit weinen.
Es ist schrecklich, weil keiner von ihnen es bemerkt. Ich bin immer die Einzige die sich dann um sie kümmert. Ich muss stark sein, für sie und für mich.
Es war diesmal aber heftiger als sonst.
Mama hat es zu weit getrieben.
Sie hatte was mit seinem Bruder. Ich will gar nicht wissen wie lange oder wie oft schon.
Wie krank, ich mein, sein Bruder?
Er war total fertig.
Am Boden zerstört.
Als Mama abgehauen ist, kam er zu mir ins Zimmer.
Kathi hatte sich währenddessen schon in den Schlaf geweint. Wir waren alle sehr erschöpft, es war immerhin ein harter Abend.
Er setzte sich zu mir ans Bett, deckte mich zu, gab mir einen Kuss auf die Stirn und sagte mit zittriger Stimme ,,Es wird alles gut, versprochen.''
Ich wollte ihm glauben, ich wollte ihm so sehr glauben.
Als ich Mittwoch nach der Schule Kathi vom Kindergarten abgeholt habe und nach hause kam, war Mama da.
Viel früher als sonst, wenn sie abhaut.
,,Wo ist Papa?'' habe ich sie gefragt und mir einen Yoghurt aus dem Kühlschrank genommen.
Doch sie antwortete nicht.
,,Dann nicht.'' sagte ich ihr und bin genervt in mein Zimmer.
Eigentlich hätte er schon längst zu hause sein müssen. Es war Mittwoch, er musste nur bis zwölf arbeiten.
Man hätte meinen können, sie wusste davon.
Aber das stimmt nicht, sie wollte mir einfach nicht mit mir reden.
Wie immer.
Um kurz nach fünf am späten Nachmittag, kam Bernd.
Bernd ist Papas bester Freund.
Gewesen.
Ich machte ihm auf, Kathi rannte ihm sofort in die Arme. Wir liebten Bernd.
Er war cool, lustig und hatte immer einen lässigen Spruch auf Lager.
Doch diesmal nicht.
Sein Gesicht war leer.
Genau wie seine Augen.
,,Was ist passiert?'' fragte ich ihn.
,,Es tut mir so leid.'' antwortete er während er in Tränen ausbrach.
Nein, Papa ist nicht auf der Autobahn ums Leben gekommen. Es war kein Unfall, kein LKW oder Auto ist in seins reingerammt.
Nein, es war kein Unfall.
Er wollte nach der Arbeit noch ein kleines Geschenk für uns holen.
Für Mama, Kathi und mich.
So hatte er es jedenfalls Bernd erzählt.
Als Wiedergutmachung für alles.
Alles, wofür er sich die Schuld gab.
Er wollte sich für Mamas Affäre entschuldigen?
Wie es das Schicksal so wollte, es kam ein Mann mit einer Waffe in den Laden. Er drohte damit, dass wenn sich nicht jeder auf den Boden legt, er jemanden erschießen würde. Natürlich war keiner so dumm und blieb stehen. Nicht einmal mein Vater.
Doch als der Verkäufer den roten Knopf unter dem Tresen drückte und die Notsirene ertönte, schoss der Mann mit der Waffe ab.
Ausgerechnet auf ihn.
Der Mann sagte danach nur ,,Seht ihr? Ich mein es ernst!''
Er hat ein Leben ausgelöscht.
Er hat einer Familie ihren Vater genommen.
Er hat mir meinen Vater genommen.
Meine einzige Hoffnung auf ein besseres Leben.
Und meinte es ernst.
Wenn ich diesem schrecklichen Menschen jemals begegnen würde, würde ich ihn umbringen.

,,Grausam.''

31.7.12 03:57

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