Traust du dich? 2

,,Hast du mal versucht mit deinen Freunden darüber zu sprechen?''
Ich werde nicht reden, warum versteht er das nicht?
,,Wolltest du dich schon einmal umbringen?'' fragt er einfach weiter.
Nun ja, ich wäre nicht hier, wenn ich es nicht versucht hätte.
,,Wann war der letzte Versuch?''
Habe ich unbewusst geantwortet, oder warum fragt er?
,,Vor zwei Wochen.''
Kurz bevor sie mich hier eingeschleust haben.
,,Wie hast du es versucht?''
,,Hab' 'n Haufen Pillen geschluckt.''
,,Warum?''

Weil ich mich nicht einmal mehr im Spiegel ansehen konnte, weil mich jeder verließ, der mir etwas bedeutet, weil ich seit Monaten nichts mehr gespürt habe, weil alle mich kritisierten, weil mir niemand zuhören wollte, weil mich niemand verstand, weil ich mich selbst gehasst habe.

Ich zucke mit den Schultern.
,,Aber an irgendetwas musst du währenddessen doch gedacht haben.''
Keine Reaktion meinerseits.
,,Hast du irgendetwas gefühlt, als du es getan hast?''

Ich fühlte mich befreit und erleichtert.
Endlich schlafen zu können ohne Gedanken und ohne jemals wieder aufwachen zu müssen.
Aber zu meinem Glück kam Mama vier Stunden früher von der Arbeit und rief den scheiß Krankenwagen.
Hätte sie mir nicht diesen einen Wunsch erfüllen können?

,,Nein.''
Er weiß das ich lüge.
Er sieht mich dann immer mit seinem Blick an. Seinem eigenem Blick.
Den setzt er nur auf wenn jemand lügt.

So wie letzten Dienstag.
Lara-Sophie, eine neue Praktikantin in seiner Praxis, kam herein um ihm einen Stapel Papiere zu bringen. Er fragte sie nach dem Anruf der getätigt werden musste, sie sagte sie hätte es erledigt, doch sie log.
Ich weiß das sie log, kurz vor der Sitzung hat sie mir noch gesagt, sie hätte es vergessen.
Man hätte ihr es eigentlich nicht angemerkt, aber er fand es trotzdem raus und setzte wieder seinen Blick auf.

,,Hattest du es geplant?''

Sehr genau.
Jedes Mal.
Immer.
Ich denke seit Monaten an nichts anderes.
Verschiedene Möglichkeiten, Arten und Weisen hatte ich im Kopf.
Ich war soweit, dass ich nicht mehr von diesem einen Feldweg wegkam.
Dieser Feldweg lag an den Eisenbahnschienen.
Jede Stunde um dreiundzwanzig nach kommt ein Zug. Immer um dreiundzwanzig nach, egal wo ich bin, egal in welcher Situation, höre ich für einen Moment auf zu atmen. Es kommt mir immer so vor, als würde ich daneben stehen.
Dieses Geräusch wenn er an mir entlangfährt, es ist beruhigend und doch treibt es mich in den Wahnsinn.
Ich spüre in dieser Zeit einen kalten Schauer, er geht über meinen ganzen Körper.
Ein schreckliches Gefühl.

Trotz den vielen Gedanken, keine Reaktion von mir.
,,Okay'', er lehnt sich erneut zurück und zeichnet wiedereinmal sinnlose kleine Striche auf sein Blattpapier ,,Willst du wirklich so weitermachen?''
,,Definieren Sie 'weitermachen'.''
,,Nichts zu sagen. Alles in deinem Kopf passieren lassen.''
,,Ja, denke schon.''

1.8.12 00:05

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