Traust du dich? 4

,,Du siehst heute nicht glücklich aus.''
Ach, ehrlich?
,,Kann sein.''
,,Fühlst du dich nicht gut? Geht es dir schlecht?''
Ich schweige und starre auf seine Tasse mit Tee, die wie immer neben seinem Sessel auf einem kleinen Tisch steht.
,,Hast du schon mal darüber nachgedacht, dich selbst zu verletzen?''
Immer.
Wieso fragt er?
,,Kann sein.''
,,Hast du es mal in die Tat umgesetzt?''
Warum lauf ich wohl mit Pullover rum, selbst wenn es 30° draußen sind?
,,Kann sein.'' d
Das wird glaub ich mein Lieblingssatz.
,,Hat es mal jemand gemerkt, gesehen oder dich darauf angesprochen?''

Nein, ich bin gut im verheimlichen. Ich mache es nicht dort wo jeder es sehen kann. Selbst wenn ich mal meine Ärmel hochziehe, dort sieht niemand etwas.

Ich schüttle den Kopf.
,,Hast du es gemacht, um dich umzubringen? Du hast es ja mehrmals versucht, oder nicht?''
Oh, hat der Herr doch meine Akte gelesen?

Nein, ich habe es nicht gemacht, um mich umzubringen.
Sonst wären die Schnittwunden ganz woanders.
Ich habe es gemacht, zur Bestätigung, dass ich noch lebe. Das ich doch noch etwas fühle. Denn nichts ist schlimmer als leer zu sein. Man kann noch so enttäuscht, verletzt, wütend oder traurig sein. Keine Emotionen zu spüren ist noch viel schlimmer. Man überlegt dann, ob es wirklich real ist. Ob man überhaupt noch lebt oder einfach nur existiert.

Ich schüttle den Kopf.
Er weiß warum ich es getan habe, warum fragt er?
,,Wurde es nach einiger Zeit zur Sucht?''
,,Ein wenig.''

Ich kann mich noch genau an den ersten Versuch erinnern. Es war ein Dienstag, Linda hat mir vieles gesagt, was ich nicht hören wollte. Dinge die sie lieber für sich behalten sollte. Ich wurde wütend, weil sie mich nicht verstand. Wir haben einfach an uns vorbei geredet.
Es tat weh, es tut immer noch weh.
Wieder war alles zerstört.
Sie kann es richtig gut.
Mein Leben ruinieren.
Aber dafür liebe ich sie. Auch wenn es niemand versteht.
Als ich abends in meinem Zimmer saß und voller Wut auf mich selbst mir die ganze Zeit eingeredet habe, was für eine schreckliche Freundin ich sei, dass mein Leben ein einziges Chaos ist und das ich alles verdient habe, was in den letzten Monaten passierte, fing es dann an, so ganz plötzlich.
Ich hatte mich beruhigt und alles war so seltsam.
Die ganze Umgebung habe ich anders wahrgenommen. Ich spürte nichts mehr und habe mit kneifen versucht mir weh zutun.
Nur als Bestätigung, ich wollte doch nur die Bestätigung, dass ich noch lebe. Das es noch etwas gibt, was ich fühlen kann.
Doch es reichte nicht mehr.
Das Kneifen reichte nicht mehr aus.
Ich wollte mir ein Messer aus der Küche nehmen, doch meine Mutter hätte es gemerkt. Die Wohnzimmertür war offen und sie hätte mit Sicherheit gefragt, was ich mit dem Messer wolle. Aber dafür hatte ich sowieso keine Zeit, darüber nachzudenken mein ich.
Dann fiel es mir ein.
Die Rasierklingen im Bad.
So schnell wie nur irgendwie möglich, bin ich ins Bad und wieder zurück. Ich hab versucht diese verdammte Plastikhülle abzubekommen, ich wurde total nervös.
Meine Hände zitterten und ich musste mich beeilen.
Dann klappte es endlich.
Nun die große Frage, wohin mit dem Schnitt? Zu meinem Glück hatte ich kurze Shorts an, so war die Frage relativ schnell geklärt.
Der erste Schnitt tat nicht weh.
Also habe ich weiter gemacht.
Es wäre ja nur ein einziges Mal gewesen, nur als Bestätigung. Es würde ja nicht sofort zur Sucht werden.
Der zweite Schnitt tat gut, ich hörte auf zu zittern und alles wurde etwas leichter. Als wäre eine riesige Last von mir abgefallen. Alles was sich in den letzten Jahren angestaut hatte.
Da es so gut tat, musste ich weitermachen.
Ich konnte nicht aufhören.
Nach sechs Schnitten habe ich dann gestoppt.
Wie gesagt, ich wollte es doch nur ein mal tun.
Nur als Bestätigung.

Sagen wir's so, kurze Hosen kann ich heute nicht mehr tragen und Bauchfrei erstrecht nicht.
Wo sie auf meinen Armen sind? Unterm Oberarm, auf der Schulter und am Ellenbogen, dort aber nur sehr nüchtern, da sie dort manchmal gesehen werden. Ich hasse die fragen ''wie ist das passiert?'', ''oh Gott, wer war das?''
Jap, wie bei jedem, der sich selbst verletzt, ''Die Katze!''

,,Hast du manchmal das Bedürfnis die Narben anderen zu zeigen? Jemanden dem du vertraust oder einfach nur gern hast.''

Nein.
Na ja. Okay, manchmal schon. Wenn ich wütend bin zum Beispiel, dann würde ich gerne alles sagen, was ich all die Jahre verschwiegen habe.
Aber ich habe jedes Mal angst, angst davor, dass sie sagen, ich würde nur Aufmerksamkeit suchen, ich wäre ein ''Psycho'' oder ein ''Emo'' oder was auch immer. Ich will nicht das sie das sagen oder gar von mir denken.
Wenn ich eins nicht suche, dann ist es Aufmerksamkeit.

,,Nein.''

2.8.12 04:36

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